Do you believe in life before death?

Am 17.10.2026 wird Wolves am Antifacist Black Metal Gathering im Dachstock in Bern gezeigt. Dieser Versuch, dem Film eine klarere antifaschistische Stossrichtung zu geben, ist zu begrüssen. Bedauerlich ist hingegen, dass der Film ausserhalb eines solchen Kontexts, wenn er auf eigenen Füssen stehen muss, beinahe keine politische Kraft zu entfalten vermag. Ja, schlimmer noch: Betrachten wir den Film (und die ihn umgebenden Vermarktungsstrategien) ausserhalb solcher explizit antifaschistischer Screenings, macht er sich bis zu einem gewissen Grade wohl sogar der Komplizenschaft schuldig. Das ist schade. Nicht nur, weil der Film handwerklich sehr gut gemacht ist und es viel an ihm zu mögen gibt,1 sondern auch, weil er das Potential gehabt hätte, sich weitaus klarer gegen Neonazis zu wenden. Betrachten wir die aktuellen politischen Entwicklungen, wird dieses Versäumnis in den kommenden Jahren nur schwerer wiegen.

Ich habe Wolves am 19. Mai 2025 hier in Aarau im Kino Freier Film in einem vollständig gefüllten Saal gesehen. Die Vorstellung fand Anwesenheit von Jonas Ulrich, dem Regisseur des Films, und Fabian Künzli, dem Schlagzeuger der (halbfiktiven) Band WLVS statt. Und in Anwesenheit einiger Neonazis, die sich offenbar so wohl fühlten, dass sie gerne alle Zweifel bezüglich ihrer politischen Orientierung ausräumten und mit grossen Patches und mit Fanartikeln ihrer liebsten nationalsozialistischen Black Metal Band hier auftauchten.2

Wolves handelt von einer einsamen jungen Frau, Luana (Selma Kopp), die bei ihrer Mutter (Judith Hofmann) lebt, nachdem sich ihre Eltern getrennt haben. Sie hat mit beiden Elternteilen ein schwieriges Verhältnis. Sie arbeitet in einer Kinderkrippe, erlebt die Arbeit allerdings als wenig erfüllend und scheint mit dem Rest des Teams keine nennenswerte (auch nur kollegiale) Beziehung aufgebaut zu haben. Sie besucht aber gerne Konzerte und findet über ihren Cousin Domi (Fabian Künzli), Schlagzeuger der Band WLVS Anschluss an die Black Metal Szene. Die Band erhält einen neuen Sänger, Wiktor (Bartosz Bielenia), der ursprünglich aus Polen stammt. Luana scheint von ihm fasziniert und beginnt als Social Media Managerin für die Band zu arbeiten – ein Entscheid, für den sie schliesslich sogar ihre Erwerbstätigkeit aufgibt, damit sie mit der Band auf Tournée kann.

Man muss an dieser Stelle vielleicht anmerken, dass es aller schauspielerischen Leistung zum Trotz emotional kaum nachvollziehbar ist, weshalb Luana die Entscheidungen trifft, die sie eben trifft. Mit ihren Cousin, zu dem sie ein gutes Verhältnis zu haben scheint, spricht sie sich nie aus, ihre besorgte Chefin lässt sie abblitzen, und das Verhältnis zu den Eltern is so gestört, dass sie an allem, was über materielle Unterstützung hinaus geht, nicht mehr interessiert ist. Wiktor scheint ihr der Ausweg aus einem einengenden und langweiligen Leben zu sein, jemand der sie versteht, vielleicht sogar liebt, und ihr in ihrer Einsamkeit etwas Halt bieten kann.

Das alles kann man zwar intellektuell verstehen, weil die Dinge eben so geschehen müssen, damit die Handlung des Films ihren Lauf nehmen kann. Auf einer emotionalen Ebene bleibt uns Luana aber (von einzelnen Szenen einmal abgesehen) irgendwie fremd. Weshalb sie so und nicht anders entscheidet war mir oftmals nicht klar. Das ist, wie gesagt, kein schauspielerisches Problem. Die Dialoge sind in manchen Szenen schlicht geschrieben, als ob die Zeilen noch blosse Platzhalter wären. In Erinnerung blieben mir diesbezüglich besonders die Szenen mit der Mutter. Ein wortloses Morgenessen3 liess mich emotional wesentlich mehr verstehen, als die Gespräche, die sich so ungeschliffen anfühlten. Gereicht hat das aber nicht. Luana tut, was sie tut um des Filmes und nicht um ihrer selbst willen.4

Weil Luana so vieles in ihrem Leben aufgegeben hat, um mit der Band auf Tour zu gehen, eine Beziehung mit dem Sänger begonnen hat, und für die Social Media Kanäle der Band zuständig ist, hängt ihr Herz am Erfolg der Band. Zu gross scheinen die Hürden zurück in ihr bisheriges Leben, um umzukehren. Der Erfolg der Band, ja sogar ihr Weiterbestehen, sind allerdings in Gefahr. Grund dafür ist, dass Wiktor Kontakte mit der Neonaziszene pflegt, und die Band in einem fragwürdigen Lokal mit einem ebenso fragwürdigen Gastmusiker auftritt. Während dieses Auftritts eskaliert die Situation, als dieser auf der Bühne den Hitlergruss zeigt. Das Konzert wird abgebrochen, und im anschliessenden Streit meint Wiktor, dass es sein Fehler gewesen sei, diesen Gastmusiker an Bord geholt zu haben. Allerdings wird aus dessen Äusserungen auch klar, dass Wiktor über seine politische Orientierung bereits vor dem Vorfall gut informiert war, und die misslungene Unterwanderung der Band als misslungene, nicht als Unterwanderung zu bedauern ist.

Die Band, deren Ruf online ruiniert ist, löst sich schliesslich auf. Wiktor und Luana finden über einen alten Kontakt Wiktors (eine Ex-Freundin, die in der Neonaziszene weiterhin aktiv ist) eine Unterkunft. In einem Haus auf dem Land hat sich eine Wohngemeinschaft, eine Art Kommune gebildet, in der sich Neonazis zur Feier der bevorstehenden Wintersonnwende versammeln. Luana fühlt sich nicht wohl. Die Gruppe ist bewaffnet, der oben genannte Gastmusiker taucht ebenfalls wieder auf, die Patches auf den Jacken zeigen klar, dass es sich um eine gewaltbereite, rechtsextreme Gruppe handelt. Es war uns, den Zuschauer:innen, schon länger klar, aber nun muss auch Luana einsehen, dass sie irgendwie in Mitten einer Gruppe Faschisten gelandet ist. Das ist umso tragischer, als sie schwanger ist – eine Tatsache, die sie vor Wiktor geheimhalten will.5 Dieser erfährt es trotzdem, weil sich Luana seiner Ex-Freundin anvertraut.

Als die Wintersonnwende dann mit einem grossen Feuer, Gesichtsbemalung, Schüssen in die Luft, mit Geschrei und völkischem Gesang begangen wird, realisiert Luana, in was für schlechte Gesellschaft sie geraten ist und versucht zu fliehen. Anfänglich versucht Wiktor sie noch aufzuhalten, er scheint aber durch die Präsenz des ungeborenen Kindes daran gehindert, die in diesem Moment für seine Zwecke nötige physische Gewalt anwenden zu können. Luana entkommt also und rennt durch die Nacht davon. Der Film endet mit einer Aufnahme, die sie im ÖV nach Hause (wo das aktuell auch sein mag) zeigt.

Herzstück des Films ist die toxische Beziehung zwischen Wiktor und Luana. Die Dynamik ist in jeder Hinsicht ungesund, und Wiktor ist in der Lage, Luana von ihrer Familie und ihrem Freundeskreis zu isolieren und all ihre Fragen bezüglich seiner politischen Orientierung gegen sie zu verwenden. Dass sie überhaupt fragt stellt er als dumm dar, es sei ja schon alles gesagt. Ausserdem gehe es bei seinen Tätowierungen um Geschichte oder um Identität, mit Faschismus habe das alles gar nichts zu tun. Das wisse sie doch bereits, man habe das geklärt.

Es ist wichtig zu sehen, dass Wiktor kein Nazi sein müsste, um ein furchtbarer Freund und mieser Partner zu sein. Sein moralisches Versagen ist primär, dass er missbräuchlich ist, dass er lügt, emotional manipuliert, isoliert. Die oben bereits genannte, misslungene Konvertierung der Band ist sicherlich auch zu verurteilen, aber im Grossen und Ganzen darf man wohl behaupten, dass wir ihn primär als Beziehungspartner verurteilen.

Zugegeben, die beiden Seiten lassen sich nicht sauber trennen: Wiktor ist unter anderem deshalb manipulativ, weil er sich nicht offen als Nazi outen kann, ohne die Band und die Beziehung zu Luana zu torpedieren. Er muss Luana in kleinen Schritten, die für sich genommen kaum Proteste auslösen und plausibel verharmlost werden können, daran gewöhnen, dass er eben ein Neonazi ist und sich (und sie und ihr ungeborenes Kind) mit Neonazis umgeben will. Dennoch gilt: Wiktors Verfehlungen sind primär die eines schlechten Partners und dementsprechend gibt es gute Gründe, ihn als solchen zu verurteilen. Die Dinge hingegen, die er als Nazi tut, sind gar nicht so einfach zu verurteilen.

Natürlich ist es schlecht, Nazi zu sein. Das steht nicht zur Debatte (zumindest hier nicht, da draussen scheint es bedauerlicherweise weniger klar als auch schon). Mein Punkt ist nur, dass Neonazis, die sich diesen Film anschauen, nichts zu sehen bekommen, was ihre politischen Positionen in irgendeiner substantiellen Weise angreift. Was machen die Neonazis im Film denn falsch? Sie besitzen (vermutlich unterlaubterweise) Waffen. Aber darüber hinaus kann man sich kaum beschweren. Die Waffen werden nur zu zeremoniellen Zwecke abgefeuert, und ansonsten sieht man die Neonazis ein grosses Feuer entzünden, sich mit Freund:innen in einem grossen Haus versammeln, essen und trinken, und gemeinsam feiern und musizieren. So unappetitlich diese Handlungen auch werden, wenn sie mit dem Geist des Nationalsozialismus gefärbt sind, so wenig kann man sie als solche ernsthaft moralisch verurteilen. Nazis essen halt auch.

Die moralischen Vergehen Wiktors sind zu disparat vom ideologischen Horror des (Neo-)Nationalsozialismus um die Neonazis im Publikum ernsthaft mit den Abgründen ihrer furchtbaren Weltanschauung zu konfrontieren. Fabian Künzli meinte an der Vorstellung in Aarau, es werde wohl niemand mit dem Gefühl aus dem Saal gehen, dass die Neonazis die Guten seien. Das ist zwar keine ganz unplausible Annahme, aber sie beruht doch naiverweise darauf, dass das Publikum Neonazis sowieso schon moralisch verurteilt und bereitwillig alle charakterlichen Mängel Wiktors mit seiner politischen Orientierung verknüpft.

Ich glaube nicht, dass das zwingend so geschehen muss. Neonazis können sich den Film recht entspannt ansehen. Ihr Gefühl, auf Seite der Guten zu sein, wird nicht ernsthaft strapaziert. Ja, so werden sie vielleicht sagen, Wiktor sei zwar kein guter Mensch, das habe aber nichts damit zu tun, dass er ein Nazi sei. Das lasse sich alleine damit erklären, dass er ein schlechter Partner sei. Man könne sogar noch weiter gehen und behaupten, dass er auch leichter ein besserer Partner hätte sein können, wenn die Gesellschaft Neonazis gegenüber nicht so unfair und empfindlich wäre, und er sich nicht laufend hätte rechtfertigen, verstellen und verstecken müssen.

Der Films sollte es einem unmöglich machen, so ein Argument zu konstruieren. Ich bestehe deshalb darauf, dass der Film in dieser Hinsicht eindeutiger hätte sein sollen, weil die Black Metal Szene, wie Jonas Ulrich nach der Aarauer Vorstellung offen gesagt hat, von Neonazis durchdrungen ist.6 Das lässt sich nicht schönreden. Ein Film, der sich mit der Szene beschäftigt, muss sich diesem Problem stellen. Die Neonazis innerhalb der Szene sind aber nicht alle gleichermassen offen. Man soll sich zwar gegenseitig als Faschist erkennen können, aber gegen aussen und gegenüber Fans, die sich vom Nationalsozialismus distanzieren, muss man gleichzeitig plausiblerweise abstreiten können, ein Neonazi zu sein. Dafür gibt es bekannte Strategien, die Jonas Ulrich auch angesprochen hat: Nicht alle Slogans und Symbole sind gleich offensichtlich zu verorten und im Zweifelsfall werden sie dann nicht als Zeichen politischer Ideologie gedeutet, sondern als Witz, als Provokation, oder als gegen das Establishment gerichtete Ästhetik.

Spielen wir das in Gedanken durch: Wie könnte man sich denn anderen Neonazis zu erkennen geben? Vielleicht, indem man das T-Shirt einer (halbfiktiven) Band trägt, die im Film beinahe von Nazis unterwandert worden wäre. Okay, das war fast unfair schnell. Behaupte ich etwa, dass zwingend ein Nazi sei, wer ein WLVS Shirt trägt? Nein, natürlich nicht. Aber das ist genau der Punkt. Wir können die Frage auch anders stellen: Wer trägt denn aus welchen anderern Gründen ein WLVS Shirt? Wäre es eine gute Idee, das Shirt ironischerweise anzuziehen? Denn anders ginge es nicht, ein echter Fan der Band kann man, so behaupte ich, gar nicht sein. Ausserhalb der Fiktion des Filmes gibt es sie eigentlich gar nicht. Im allerbesten Fall trägt man Merch einer fiktiven Band, die sich nach einer versuchten Unterwanderung durch Neonazis aufgelöst hat. Ich schlimmsten Fall trägt man eben Merch einer fiktiven Neonazi Band. In meinem Empfinden (und ich unterstelle: im Empfinden aller, die Nazis nicht ausstehen können) ist das nicht genug sichere Distanz. Wenn ein Neonazi das Shirt plausiblerweise tragen könnte, um quasi augenzwinkernd, ohne dass Worte nötig wären, mit anderen Neonazis in stillen Kontakt zu treten, ist es kein Shirt für mich.

Ich bin, wie gesagt, erfreut darüber, dass der Film in einem explizit antifaschistischen Kontext gezeigt wird. Das entlastet den Regisseur und wer auch immer für das Marketing zuständig ist etwas. Ich gebe auch zu, dass ich in dieser Diskussion vorallem auf die Schwächen des Filmes hingewiesen habe, und recht harsch war. Das scheint mir, wenn ich mir die Welt da draussen so anschaue, allerdings auch richtig.
Es ist bedauerlich, aber Wolves ist als Film (in Isolation) einfach nicht klar genug in der Verurteilung von Neonazis. Zum einen bleibt genug Deutungsspielraum, um Wiktors moralische Schwächen nur als Resultat seiner Mängel als Freund und Partner zu vertehen und nicht als Resultat seiner faschistischen Ideologie. Zum anderen bedient sich das Marketing auf eine naive Art und Weise der Ästhetik und der Denkart einer Szene, die eine Integration der Fanartikel in die kommunikativen Mittel ihrer ideologisch hässlichsten Seite erlaubt.

Fussnoten

  1. Bild und Ton empfand ich als äusserst gelungen. Der Film ist eindrücklich und schön anzusehen und die Wucht, mit der einem zum Beispiel der Sound der Konzerte beim Betreten des Konzertsaals trifft, hat Erinnerungen an früher geweckt. ↩︎
  2. Die Band soll hier ungenannt bleiben, weil sie nach wie vor beinahe jährlich ein Album veröffentlicht und ich ihr nicht zu mehr Aufmerksamkeit (wie wenig es auch sein mag) verhelfen will. Sie ist, von allen politischen Problemen einmal abgesehen, nicht besonders gut. ↩︎
  3. Romulus : Das Morgenessen.
    Pyramus : Das Frühstück.
    Romulus : Das Morgenessen. Was in meinem Hause klassisches Latein ist, bestimme ich.
    (Aus dem ersten Akt von Romulus der Große. Ungeschichtliche historische Komödie in vier Akten von Friedrich Dürrenmatt) ↩︎
  4. Ein Wiesel saß auf einem Kiesel Inmitten Bachgeriesel. Wißt ihr weshalb? Das Mondkalb verriet es mir Im Stillen: Das raffinierte Tier tat′s um des Reimes willen.
    Das ästhetische Wiesel (1905) – Christian Morgenstern ↩︎
  5. Das scheint mir völlig unglaubwürdig. Weshalb um alles in der Welt sollte Luana auf Verhütung verzichtet haben? Sollte Wiktor sie dazu gedrängt haben, macht der Film keine Andeutung in diese Richtung. Sonst hätte er mit einer Schwangerschaft gerechnet. Ich behaupte, dass es sich um ein Versäumnis von Luanas Seite handelt, das nur deshalb existiert, damit mehr auf dem Spiel steht. Wie erwähnt, ihre Entscheidungen sind von den Bedürfnissen des Filmes beeinflusst. ↩︎
  6. Ein Mitglied des Publikums fragt als Reaktion auf diese Behauptung, ob Jonas es wirklich in Ordnung fände, diese unfairen Vorurteile gegenüber der Szene im Film zu bestärken. – Während zwei Reihen vor uns Nazis aus besagter Szene sitzen! Vielleicht war es nicht offensichtlich genug, weil sie sich nicht gleich „Nazi“ auf die Glatze hätten tätowieren lassen… ↩︎

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